Die Idee...

Den Landtag mit den Augen einer Volontärin entdecken: Während meines zweijährigen Volontariats in der Pressestelle des Schleswig-Holsteinischen Landtags könnt ihr mir in diesem Blog virtuell über die Schulter schauen. Euch erwarten persönliche Eindrücke und kleine Anekdoten aus meinem Arbeitsalltag und dem politischen Geschehen. Viel Spaß beim Lesen!

Donnerstag, 30. März 2017

Schnacken ist nicht gleich Schnacken

Als Kind hatte ich Spaß daran, Dialekte nachzuahmen und damit meine Familie zu unterhalten. Ob Bayrisch, Sächsisch oder Schwäbisch ich plapperte nach, was ich im Urlaub oder im Fernsehen aufschnappte. Das für Schleswig-Holstein typische Platt war auch dabei. Und obwohl es weder Freunde noch Familie perfekt schnacken können, hatte ich bisher das Gefühl, Plattdüütsch gut zu verstehen. Bis ich diese Woche beim "Poetry Slam op Platt" im Kieler Landeshaus war.

Eine Dichterschlacht im Plenarsaal und dazu noch auf Plattdeutsch klingt erstmal ungewöhnlich. Allerdings: Niederdeutsch ist eine anerkannte Regionalsprache, die durch die schleswig-holsteinische Landesverfassung geschützt ist. Mehr als "nur" ein Dialekt also. Der Landtag bietet sogar Besucherabende "op Platt" an. Und der Parlamentspräsident ist Vorsitzender des Beirats Niederdeutsch, der sich beispielsweise dafür einsetzt, mehr Plattdeutsch an den Schulen zu unterrichten.

Bei Annika Blanke geht's um die Ostfriesen. (Foto: Landtag)
Platt-Unterricht hätte mir wohl auch gut getan, denke ich frustriert, als ich auf der Tribüne des Plenarsaals sitze. In der ersten Runde des Wettbewerbs, als die sechs Slammer ihre Geschichten über Ostfriesland, Science Fiction, Haustiere und Gärtner vortragen, ist es besonders schlimm. Schockiert darüber, wie schwer es mir fällt, den Rednern zu folgen, bin ich kurz davor zu gehen. Doch es ist wie mit einer lange nicht gesprochenen Fremdsprache: Umso länger ich konzentriert lausche, desto besser höre ich mich hinein. Am Ende des Poetry-Slam-Abends verstehe ich wenn auch nicht jedes Wort zumindest die Zusammenhänge so gut, dass ich mitlachen kann. 

Am gleichen Abend beschließe ich: Als Schleswig-Holsteinerin sollte ich fließend platt schnacken können. Da muss der für diesen Sommer geplante Spanisch-Kurs wohl warten ...

Donnerstag, 23. März 2017

Die Zukunft des Telefons

Vor mir liegt ein Antrag zur Verschlüsselung von Telefongesprächen. Bisher können Telefone in Deutschand leicht abgehört werden, wird dort behauptet. Und das müsse geändert werden. Ich lehne mich in meinem Schreibtischstuhl zurück und denke darüber nach, wie ich meinen Artikel ich darüber schreiben könnte. Da fällt mein Blick auf den Schreibtisch meines neuen Kollegen.

Schon seit längerem steht dort ein nicht angeschlossenes Telefon. Die Kabel sind ordentlich um den Hörer gewickelt, das Display ist dunkel. Die IT-Fachleute im Landtag, die den Arbeitsplatz technisch ausgerüstet haben, haben sich darum nicht weiter gekümmert. Es fehle noch eine passende Buchse, sagten sie. Eingebaut wurde bisher keine. Und der neue Kollege, der in Teilzeit arbeitet, braucht es auch scheinbar nicht. Wenn er telefoniert, nimmt er das Handy.

Ich frage mich: Haben Telefone bald ausgedient? Steht der stumme, ungenutzte Apparat für die Kommunikation unserer Zeit? Statt sich zu unterhalten werden doch meistens Nachrichten, Bilder oder Videos verschickt. Kann das schnöde Schnurtelefon da noch mithalten?

Seit Jahren telefonieren wir - wenn überhaupt - von unterwegs mit dem Smartphone, verschicken Kurznachrichten per WhatsApp oder andere Nachrichtendienste. Und auch im Büro werden Diensthandys immer beliebter. Nicht nur der Chef hat meist das Smartphone in der Hand, ob er am Schreibtisch sitzt oder durch die Flure läuft. Wie oft ich in dieser Woche zum Hörer gegriffen habe, kann ich an einer Hand abzählen, denke ich mir. Und konzentriere mich wieder auf meinen Text über abhörsichere Telefongespräche. Mein Telefon bleibt den ganzen Tag stumm. 

Freitag, 17. März 2017

Streitgespräche ohne Streit

Was ist eigentlich eine Debatte? In Plenarsitzungen dreht sich alles um dieses Wort: Es stehen viele Debatten auf der Tagesordnung, Abgeordnete haben über verschiedene Themen debattiert, Politiker führen hitzige Debatten. Beim Landesfinale von „Jugend debattiert“ – einem Wettbewerb für diskutierfreudige Schüler – wurde mir die eigentliche Bedeutung des Wortes nochmal so richtig bewusst. 

In einer Debatte geht es darum, andere mit den eigenen Argumenten zu überzeugen und dafür zu sorgen, dass sie am Ende für oder gegen etwas stimmen. Es ist ein Streitgespräch, bei dem sich Befürworter und Gegner einer These gegenüberstehen, ihre Ansichten austauschen und ihre Meinung sachlich darstellen. Im Parlament ist das nicht immer ganz eindeutig. Hier sprechen in der Regel einzelne Politiker nacheinander. Einen direkten Austausch von Standpunkten gibt es zumeist nur in den Ausschüssen oder bei Zwischenfragen aus den Reihen der Abgeordneten.

Die Schüler bei „Jugend debattiert“ dagegen halten sich genau an diese Vorgehensweise, wenn auch in abgewandelter Form. Es ist schließlich ein Wettbewerb und die Debatten führen zu fiktiven Entscheidungen. Und doch sind die Vorgaben, wie ich finde, sehr streng: Welche Position die Jugendlichen vertreten, wird vorher ausgelost – es ist also nicht unbedingt ihre eigene Meinung. Auch Notizen für die Rede auf dem Podium sind nicht erlaubt. Zum Schluss werden die Nachwuchsredner unter anderem danach bewertet, ob sie sich sachlich ausdrücken konnten und wie überzeugend ihre Argumente waren. Gar nicht so einfach, wenn die Streitfrage beispielsweise  lautet, ob der Polizei erlaubt werden soll, DNA-Spuren „zur Bestimmung der äußeren Erscheinung von Straftätern“ zu nutzen. 

Umso mehr bin ich beeindruckt, wie Mädchen und Jungs zwischen 15 und 17 Jahren ihren Standpunkt frei vortragen und dann spontan auf Gegenargumente reagieren, ohne dabei ins Stocken zu geraten oder sich von der Gegenseite aus der Ruhe bringen zu lassen. Da können einige Politiker noch was lernen. Ganz frei reden sie selten, obwohl es so in der Geschäftsordnung des Landtages zu finden ist: „Die Abgeordneten sprechen in der Regel in freiem Vortrag“, heißt es dort in Artikel 56.